• Philipp Jochimczyk

Erst Purpose, dann Strategie - wie Organisationen den rasenden Stillstand überwinden

Aktualisiert: 11. Aug 2020

Unser Verständnis von Zeit als Teil des Problems


Es ist heute kaum mehr vorstellbar, doch erst zu Ende des 18. Jahrhunderts begannen wir unsere Zeit mit der Einführung der Weltzeit in 24 Zeitzonen einzuteilen. Sir Sandford Fleming kämpfte maßgeblich dafür die Synchronisierung der Zeitzonen zu ermöglichen. Noch davor musste ein Reisender, der die USA von Ost nach West oder umgekehrt durchquerte, seine Uhr mehr als 200-mal stellen. Nicht nur die Reisenden, auch die Lokführer mussten ihre Zeitmesser stets neu einstellen und aufeinander umrechnen um bestimmen zu können, wann ein Streckenabschnitt frei befahrbar war. Das es dadurch zu einer Vielzahl schwerer Unfälle kam ist nicht verwunderlich.


Diese nahmen durch die drastische Reduzierung der Zeitzonen ab. Nur einer der vielen Vorteile, die uns eine einheitliche Zeitmessung brachte. Eine weitere direkte Folge: Der Zeit einen Wert beizumessen war nun ebenfalls deutlich einfacher. Zeit zu sparen und immer mehr in immer kürzerer Zeit zu schaffen entwickelte sich schnell zu der Maxime unserer westlichen Welt. Die neue Religion: Zeit ist Geld. Noch um die Jahrhundertwende begann eine der ersten Unternehmensberatung damit, Arbeitsabläufe auf ihre zeitliche Abfolge hin zu analysieren und zu optimieren.


Das Diktat der Zeit hat heute seinen perversen Höhepunkt überall dort erreicht, wo selbst die urmenschlichsten Bedürfnisse sich diesem Zwang unterwerfen müssen. Arbeitnehmer*innen in Geflügelfabriken, denen die Toilettengänge vom Lohn abgezogen werden, wenn sie die vorgegebene Anzahl oder eingeplante (sehr kurze) Zeit überschreiten sind nur ein Beispiel von vielen.




Kennen Sie das Gefühl, in ihrer Organisation, in ihrem Leben immer schneller „rennen“ zu müssen um überhaupt auf der Stelle zu bleiben und dabei zu spüren, dass kein tieferer Sinn hinter dem was Sie oder ihr Team oder gar die ganze Organisation tut steht? Kein Wunder, für die Frage nach dem tieferen Sinn, dem eigenen Daseinszweck oder auch „Meaning“ fehlt schlicht die Zeit. Das größere Gesamtbild ist so schon länger aus dem Blick geraten. Erst die globale Umwelt- und Klimakrise zwingt uns, das Gesamtbild wieder zu betrachten. Es ist kein schönes.


Schmerzlich führt es uns vor Augen, dass etwas grundlegend schiefzulaufen scheint. Mit unglaublicher Geschwindigkeit sind wir unterwegs. Wohin eigentlich? Das ist rasender Stillstand. Es scheint geradezu, als wäre der aktuelle Zustand unserer Welt das äußere Spiegelbild unseres kollektiven Geisteszustandes, der maßgeblich von unserem egoistischen Verstand dominiert wird. Die Folge, wir rennen immer schneller verschiedensten Karotten hinterher ohne zu hinterfragen, ob sie uns schmecken.



Der rasende Stillstand und die Organisation


Die Bandbreite der Auswirkungen des rasenden Stillstandes in Organisationen sind vielfältig. Zum einen geht viel Potenzial durch die persönlichen Agenden einzelner verloren. Zum anderen wird versucht den sich wandelnden und immer komplexeren Rahmenbedingungen durch investieren immer größerer Energien in die Planungsprozesse der Organisation zu begegnen. Folge sind Projekte, die quasi zum Selbstzweck und weiter zur Stärkung der Positionen einzelner ins Leben gerufen werden, deren Wertbeitrag oftmals nur schwer auf den eigentlichen Unternehmenssinn einzahlt.


Letzterer fehlt meist vollständig und wird durch reaktive, alle zwei Jahre wechselnden Strategien ersetzt. Buzzwords, die wild noch schnell in Präsentationen eingebaut werden, weil bekannt wurde, dass der / die Topentscheider*in gerade hierauf ihren Fokus hat. Sinnvolle Projekte, die kurzerhand abmoderiert werden oder gar nicht erst starten, weil es nicht in die partikularinteressen Einzelner passt oder in der „Konkurrenz“ Abteilung stattfindet. Geschultert wird das Ganze vom profitablen Kerngeschäft. In kleineren Unternehmen und Start Ups entlarven sich derartige Vorgänge meist sehr schnell selbst, da sie es sich schlicht nicht leisten können derartiges mitzutragen oder sie u.a. daran scheitern und insolvent gehen. Wie befreien wir uns nun aus dem rasenden Stillstand?





Die Klärung der Sinnfrage zur Überwindung des rasenden Stillstandes


Auf persönlicher wie auch Unternehmensebene lautet die Antwort: Durch entdecken und leben des eigenen Purpose. Wer sich die Zeit nimmt und seinem eigenen Antrieb und den tatsächlichen Motivationen, die dahinter stehen auf den Grund geht, wird belohnt mit Orientierung und Klarheit. Die eigenen Werte treten wieder in den Vordergrund und ein klares Bauchgefühl bei Entscheidungen lässt es leichter fallen auch Nein zu sagen, zu allem was den eigenen Werten wiederspricht und dies völlig unabhängig davon, wer uns gegenübersteht. Auch wird es durch die Entdeckung des eigenen Purpose leichter, vermeintliche Motivationen und Ziele zu entlarven, die maßgeblich vom eigenen Ego bestimmt wurden.

Dies schafft Raum für das Wesentliche, bei der Priorisierung der eigenen Zeit sowie bei der Richtung, in die wir gehen. Der größte positive Unterschied ist die sich auf dem Weg einstellende Erfüllung! Das eigene Tun gibt nun Energie anstatt sie zu rauben, weil die vorher unterschwellig wahrgenommene Diskrepanz zwischen dem eigenen Wesenskern un dem Handeln nicht mehr so groß ist oder gar völlig überwunden ist. Dies gilt ebenso für Organisationen. Auch hier verpufft weniger Energie im Alltag. Mitarbeiter*innen sind engagierter und das sich entfaltende Potenzial spiegelt sich in einer steigenden Produktivität wider. So wird so mancher Overhead zur wirklichen Unterstützung der wertschaffenden Geschäftseinheiten, anstatt die Belastung zu sein, die mitgetragen wird.


Kurzum: Purpose macht den Unterschied zwischen nicht weiter hinterfragtem Selbstzweck und wahrem Unternehmenssinn! Letzterer wird so zum Anker, aus dem die Richtung abgeleitet wird in die wir gehen. Der Weg wird wieder zum Ziel und komplexen sich wandelnden Bedingungen lässt sich flexibler begegnen, ohne von eben diesem Weg abzukommen oder das Big Picture aus den Augen zu verlieren.

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